30. November 2013 – 5. Mai 2014

Ort: Kunsthaus Dresden

Ausstellung

Vot ken you mach? – Kunst, Filme, Konzerte, Lesungen, Gespräche, Comics zu jüdischen Identitäten in Europa heute

Yael Bartana (Amsterdam/Tel Aviv/Berlin), Amit Epstein (Berlin), Karolina Freino (Wrocław) mit James Muriuki (Nairobi), Eduard Freidmann (Wien), Rafał Jakubowicz (Poznan), Sharone Lifschitz (London), Tamara Moyzes (Prag), Ruth Novaczek (London), Krystyna Piotrowska (Warschau), Nikola Radić Lucati (Tel Aviv/Belgrad), Barak Reiser (Frankfurt a. M.), Eran Schaerf (Berlin), Anna Schapiro (Dresden), Maya Schweizer (Berlin/Rom), Tehnica Schweiz Gergely László & Péter Rákosi (Berlin/Budapest), Tal Sterngast (Berlin), Shira Wachsmann (Berlin), Arye Wachsmuth (Wien), Claire Waffel (Berlin)

Kuratorisches Team: Christiane Mennicke-Schwarz (Dresden), Dorota Monkiewicz (Wrocław), Valentina Marcenaro (Dresden), Rafał Jakubowicz (Poznan)

Wer bin ich? Eine Frage, auf die jeder Mensch je nach Situation eine Vielzahl von Antworten hat. In den 1920er Jahren schrieb der Sänger Aaron Lebedeff ein Lied, dass die rasanten kulturellen Veränderungen thematisierte, die in New York resultierend aus einer Einwanderungswelle zu einer neuen Kultur und Sprache führten. In der Sprache dieses Songs findet sich das amerikanische Englisch der neuen Heimat mit Spuren des Jiddischen aus der alten Heimat wieder. Vot ken you mach? Was ist zu tun? besingt einen aus heutiger Sicht sehr zeitgemäßen Zustand in dem das Bewusstsein, dass Identität mit Veränderung einhergehen muss, um lebendig zu sein, das Thema ist. In der Ausstellung Vot ken you mach, ausgerichtet vom Kunsthaus Dresden gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde einer Vielzahl weiterer Partner in der Stadt, zeigen junge wie auch namhafte Künstlerinnen und Künstlern aus London, Prag, Warschau, Wroclaw, Belgrad, Budapest und Berlin heutige Perspektiven zur Frage nach Identität in Europa auf.

Identität als Prozess

Mit erstaunlichem Mut und Leichtigkeit gehen die Künstler_innen dabei auch auf die Befangenheit und die Tabus ein, die in der dritten Generation nach der Schoa vorhanden sind. Dabei führt die Auseinandersetzung mit dem Schweigen, den fehlenden Orten wie auch den ‚missing links’ einer jüdisch-europäischen Geschichte zu einer Vielfalt an künstlerischen Formen. Richtungweisend ist hierbei die Auseinandersetzung mit Geschichte und Geschichten, also mit historischen wie auch persönlichen Narrativen. Amit Epsteins filmisch-musikalische Revue Stockholm-Syndrom beschreibt eindringlich die europäische Identität, die ihm durch seine Großmutter vermittelt wird, seine Rückkehr nach Deutschland wie auch den Alltag, in dem er der unversehens der Geschichte begegnet. Auch die in London lebende Künstlerin Sharone Lifschitz veranschaulicht das dialogische Prinzip von Identität: Indem sie in deutschen Zeitungen eine Anzeige schaltet mit dem Wortlaut: Young Jewish woman visiting Germany would like to have a conversation about nothing in particular with anyone reading this (Junge jüdische Frau, die Deutschland besucht, hätte gern ein Gespräch über nichts Besonderes mit jemandem, der dies liest.) eröffnet Lifschitz den künstlerischen Raum für einen Austausch, der weniger auf Antworten als auf eine Fortsetzung im gesellschaftlichen Diskurs gerichtet ist.

Auf- und Entdecken von Geschichte/n

Die Frage nach jüdischer Geschichte und Gegenwart führt auch in die Kunstgeschichte als gemeinsames europäisches Erbe; Gergely László & Péter Rákosi aus Budapest und Berlin bringen eine Replik von Michelangelos Moses, die für Freuds Thesen zur Religion eine wichtige Inspirationsquelle war und nun unter anderem in der ungarischen Provinz schlummert, im wahrsten Sinne des Wortes zum Sprechen. Auch Yael Bartana, die mit ihren Arbeiten in den letzten Jahren international mehrfach heftige Kontroversen ausgelöst hat, spielt in ihrer Arbeit im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr darauf an, dass Kunstgeschichte und gesellschaftliche Entwicklung sich nicht in abgeschlossene Kapitel verwandeln lassen. Die ‚Kriegskrüppel’ von Otto Dix, die im Zuge der in Dresden erstmals inszenierten Diffamierungskampagnen der kritischen Avantgarde als ‚Entartete Kunst’ verschollen sind, marschieren hier erneut, vielleicht um uns in Erinnerung zu rufen, dass mit den Geistern der Vergangenheit im positiven wie im negativen Sinne stets ein bewusster Umgang gepflegt werden muss. Vot ken you mach? Konzerte, Filme, Gespräche, Performances und weitere Ausstellungen bieten Einblicke zu Fragen von Kunst und (jüdischer) Identität: Strategien der Identitätsverschiebung in der Popkultur, neue Szenen jüdischer Kultur in Osteuropa, Familiengeheimnisse und das Schweigen zwischen den Generationen, Gedenken als Verpflichtung, die ungeschriebene Kulturgeschichte jüdischer Rache und die Suche nach einem ‚normalen’ jüdischen Alltag sind hier thematische Schwerpunkte.

In Kooperation mit dem MWW – Muzeum Współczesne Wrocław, der Jüdischen Gemeinde Dresden und dem Konstmuseum Malmö.

Weitere Partner: Technische Sammlungen Dresden, Kulturzentrum Scheune e. V., Institut français Dresden, HATiKVA – die Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Sachsen e. V., Militärhistorisches Museum Dresden.

Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und die Ostdeutsche Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Ostsächsischen Sparkasse Dresden.

Das Schulprojekt Vot ken you mach mobil wird im Rahmen des Landesprogrammes Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranzgefördert.

    Maya Schweizer, ›I, an archeologist‹, 2013, Videostill
    Ruth Novaczek: Still from ›Radio‹, 2004-2011
    Sharone Lifschitz: ›Speaking Germany‹, since 2008, Exhibition view, Photo: David Brandt
    Amit Epstein, Videostill from the Trilogy: ›Stockholm Syndrom‹, D/IL, ® Amit Epstein 2010 photo Avi Levin
    Nikola Radić Lucati and Rafał Jakubowicz: ›Das Seine - Forschungsprojekt‹, 2011, Exhibition view, Photo: David Brandt
    Front: Claire Waffel: ›Interior Curtain‹, 2013, back: Anna Schapiro: ›Vier Verwandte‹, 2013, Exhibition view, Photo: David Brandt
    Eran Schaerf incollaboration wth Ofri Lapid: ›Doing Synagoga‹, 2013, Exhibition view, Photo: David Brandt
    Left: Tehnica Schweiz - Gergely László & Péter Rákosi: ›The Idol of Denial‹, 2013, right: Claire Waffel: ›Die Rede‹, 2013, Photo: David Brandt
    Claire Waffel: ›Interior Curtain‹, 2013 and ›Die Rede‹, 2013, Photo: David Brandt
    Right: Amit Epstein: ›Stockholm Syndrom‹, 2007-2010 and left: Anna Schapiro ›Vier Verwandte‹, 2013, Photo: David Brandt
    Tal Sterngast: ›Let's Talk About Children‹, 2007, Photo: David Brandt
    Tal Sterngast: ›Let's Talk About Children‹, 2007, Photo: David Brandt
    Arye Wachsmuth: ›Shever‹, 2013, Photo: David Brandt
    Arye Wachsmuth: ›Shever‹, 2013, Photo: David Brandt
    Arye Wachsmuth: ›Shlavim‹, 2013, Photo: David Brandt
    Nikola Radić Lucati: ›The fever (numismatic value)‹, 2013, Photo: David Brandt
    Arye Wachsmuth: ›Shlavim‹, 2013, Photo: David Brandt
    Tamara Moyzes: ›Prague 7‹, 2012, Installation view, Photo: David Brandt
    Shira Wachsmann: ›Kohle‹, 2013, Photo: David Brandt
    Barak Reiser: ›Tzel‹, 2013, Photo: David Brandt
    Works of Krystyna Piotrowska, Photo: David Brandt
    Eduard Freidmann: ›The White Elephant Archive. Setting No. 2‹, 2013, Photo: David Brandt
    Eduard Freidmann: ›The White Elephant Archive. Setting No. 2‹, 2013, Photo: David Brandt
    Eduard Freidmann: ›The White Elephant Archive. Setting No. 2‹, 2013, Photo: David Brandt
    Entartete Kunst Lebt (Degenerate Art Lives), 2010, Film- and soundinstallation (16mm, 5 min. Loop) Courtesy Annet Gelink Gallery, Amsterdam
    Karolina Freino and James Muriuki: ›Kenyan Pyramids‹, 2011, Exhibition view, Photo: David Brandt