12. Januar 2014

Ort: Jüdische Gemeinde zu Dresden

Gespräch

Normal Jüdisch?

Elke R. Steiner (Comicautorin, Berlin), Galina Putjata (Sprachwissenschaftlerin, Dresden, Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Dresden und Portraitierte von Elke R. Steiner) und Viola Roggenkamp (Autorin, Hamburg); Moderation Valentina Marcenaro (Co-Kuratorin Vot ken you mach?)

Zur Eröffnung der Ausstellung Dresden 5774 von Elke R. Steiner findet, moderiert durch Valentina Marcenaro (Jüdische Gemeinde zu Dresden),  eine Lesung und Diskussion zum Thema Normal jüdisch? mit der Autorin Viola Roggenkamp und der von Elke R. Steiner porträtierten Sprachwissenschaftlerin Dr. des. Galina Putjata statt.  Die Hamburger Autorin Viola Roggenkamp liest aus ihrem 2009 erschienenen Roman Die Frau im Turm, in welchem sie das Verbannungsschicksal der  berühmten Gräfin Cosel mit der Lebensgeschichte  einer jungen jüdischen Frau, die im Dresden und Berlin der Nachwendezeit auf der Suche nach ihrem Vater ist, verwebt. Mit dem jüdischen Vater und deutschen Kommunisten in der DDR, den die Tochter im Verlauf der Handlung des Romans findet, und der als Concierge im Taschenbergpalais arbeitet, spiegelt der Romaneinmal mehr die Widersprüchlichkeiten des Lebens und die Verflechtungen der deutsch-deutsch-jüdischen sowie der israelischen Geschcicte wider. (Die Frau im Turm, Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009). Viola Roggenkamp, geboren 1948, legte mehrere wichtige Romane zu jüdischer Identität in Deutschland vor, unter anderem Familienleben. Ein Roman (2004), Tochter und Vater (2011) und Erika Mann. Eine jüdische Tochter (2005).

Normal Jüdisch ? – kann es das in Deutschland überhaupt geben? Auch in der dritten Generation nach der Schoah sind in Deutschland die Muster der Verarbeitung zwischen Befangenheit, Kompensation und Trauma präsent – und dennoch gibt es auch einen ganz ‘normalen’ Alltag, ein Familienleben. Zugleich gibt es eine Vielzahl an  individuellen Auffassungen und Lebensweisen des Jüdischseins. Wie ist man in welcher Situation ‘jüdisch’?, kann und möchte jede/ r einzelne die jüdische Identität überhaupt thematisieren? Wie reagieren Menschen im gesellschaftlichen Umfeld darauf, wenn sie erfahren, dass jemand jüdisch ist? Im Gespräch kommen mit Viola Roggenkamp als Vertreterin der zweiten Generation jüdischer Identität in Deutschland und Galina Putjata wie auch Valentina Marcenaro Vertreterinnen der dritten Generation zusammen, die jeweils ihre eigene Familiengeschichten und Herkünfte mitbringen. Das Gespräch wurde angeregt von Valentina Marcenaro als Mitinitiatorin des Projektes Vot ken you mach?,  um  – jenseits von Gedenkdiskursen – unterschiedlichen Erfahrungen, Sehnsucht nach Normalität und zugleich einer lebendigen Identitätsform des Jüdischseins Ausdruck zu verleihen.

Im Anschluss an das Gespräch wird der Film Jew.De.Ru. (Dokumentarfilm, Regie: Tanja Grinberg, D 2010, 51 min) gezeigt.  Mit dem Wort Jude assoziieren Deutsche oft nur Hitler und den Holocaust. Die Zahl der in Deutschland lebenden Juden geht bei Nachfragen immer in die Millionen. Was ein Kontingentflüchtling ist, weiß niemand. Tanja Grinbergs hochinformativer Dokumentarfilm über Ilia, Swetlana und Lena, die als Kinder und Jugendliche aus der ehemaligen Sowjetunion als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, beschreibt drei Lebensgeschichten und drei jüdische Identitätsauffassungen, die in der zweiten Heimat möglich wurden. Die Generation ihrer Eltern dagegen fremdelt mit Deutschland bis heute. Nicht umsonst hat die junge Filmemacherin das Werk ihren Eltern gewidmet: ›die ihre Welt aufgaben, um mir eine bessere zu schenken‹.