12. – 26. April 2014

Ort: S T O R E

Ausstellung

Michaela Melián: Heimweh

Eröffnung der Ausstellung Heimweh der Künstlerin Melián in Kooperation mit dem von Konstanze Schütze und Paul Barsch betriebenen Dresdner Ausstellungsraum  S T O R E.

Michaela Melián hat zuvor mit ihrer Arbeit zum Displaced – Persons – Lager Föhrenwald bei München, das zwischen 1946 und 1948 mit ungefähr 5.600 Bewohnern eines der größten DP-Lager in der Amerikanischen Besatzungszone war, eine umfassende künstlerische Aufarbeitung der Geschichte des Lagers und der dort lebenden Menschen vorgelegt, die 2006 auch auf dem Gelände der Synagoge zu sehen war und einen der wichtigsten deutschen Hörspielpreise bekam.

Auf einem Tisch sind Objekte aus Glas und Kunststoff angeordnet. Dabei handelt es sich um Alltagsgegenstände wie verschiedenste Trinkgläser, Schüsseln, Glühbirnen, Vasen, Verpackungen aus Acryl, CD-Hüllen usw., sowie um eigens für diese Installation gefertigte Prismen, geschliffen zu unterschiedlichen geometrischen Körpern wie Quader, Zylinder und Pyramide. Diese Gegenstände werden von einem Diaprojektor beleuchtet. Die installierten gläsernen Objekte werden in der Projektion zu einer abstrakten Stadtlandschaft. Vor dem Objektiv des Diaprojektors dreht sich auf einem kleinen Motor ein geschliffenes Prisma im Kreis und erzeugt damit eine Art Film entlang der Wände des Raumes, in dem sich die projizierte Stadt in fließender Bewegung permanent verändert. Gleichzeitig wechseln auf der Tischoberfläche zwischen den Glasobjekten farbige Konfigurationen in den Spektralfarben.

Der Karussell-Diaprojektor gibt durch den Transport der Dias einen bestimmten Rhythmus vor. Etwa zwei Drittel der Diarahmen sind leer, sie fungieren als reine Lichtquelle für die Beleuchtung der gläsernen Gegenstände und die Projektion der Stadt. Zwischen diese leeren Diarahmen sind Dias mit hochvergrößerten Ausschnitten aus Else Lasker-Schülers zeichnerischem und textlichem Werk geschaltet. Ihr Werk wird so in das langsame Kreisen der Projektion eingespeist und dabei durch die Gläser fragmentiert bzw. gebrochen projiziert.

Das dritte Element der Rauminstallation bildet eine Audiospur mit einer Aufnahme des Gedichtes ›Heimweh‹, das Else Lasker-Schüler 1909 in Berlin schrieb. Es wird sowohl in deutscher Sprache als auch in phonetischer Aneignung in hebräischer und arabischer Sprache gelesen und ist in eine Komposition eingebettet, die aus Klängen eines Glasharmonium produziert ist.

 

Installation mit Diaprojektion und Tonspur, 2012

Gläser, Prismen, Dias, Projektor, Motor, Tonspur
Stimme: Juno Meinecke
Hebräisch-Coach: Noi Fuhrer
Übersetzung ins Arabische: Husein Chawich
Arabisch-Coach: Safaa Nisani
Sprachaufnahmen: Michael Heilrath
Musik: Michaela Melián

 

Historischer und theoretischer Hintergrund zur Dia-Audio-Installation

Heimweh

Für den Titel der Hebräische[n] Balladen(1912) zeichnet Else Lasker-Schüler ihr künstlerisches Alter Ego Jussuf, Prinz von Theben, eine Stadt als Miniatur auf dem Arm haltend. Ikonographisch erinnert diese Darstellung an solche mittelalterlicher Stadtpatronen.

Ihre Kunstfigur Jussuf, eine Synthese aus Yussuf (12. Sure des Koran) und Joseph (Genesis), steht für das Fremdsein im Sinne des Exils, aber auch für das Fremdsein im eigenen Volk. Der Sehnsuchtsort Theben, eine mythische Projektion aus orientalisch-biblischer Vergangenheit, imaginiert modellhaft eine zukünftige Gemeinschaft.

In einem lebenslangen Prozess der Aneignung formuliert Lasker-Schüler vorgefundenes Material in ihren Texten und Bildern um. Indem sie akzentuiert und collagiert, löst sie die Grenzen zwischen Europäischem und Orientalischem, Jüdischem und Arabischem, Eigenem und Anderem auf. Religionen, Räume, Zeiten, Geschlechter und Ethnien werden in dem Ort Theben und der Figur des Jussuf transzendiert.

Lasker-Schüler verzichtet in ihren Bildern auf perspektivische Konstruktion, sie betont die Umrisslinie und beschränkt sich auf das Wesentliche. Geometrische Grundformen, Rechteck (Palast) und Rundbogen (Tempel) werden modulhaft zur orientalischen Stadt Theben kombiniert. Sie verwendet Alltagsmaterialien wie Metallfolie, Formulare, Briefumschläge, Postkarten und perforierte, linierte, karierte, geschnittene Blätter für Collagen. Selbst ihre Zeichnungen werden zerschnitten und neu zusammengeklebt. Die performativen Lesungen gestaltet Lasker-Schüler mit Geräuscheffekten und erfundener Sprache, die als ›mystisches Asiatisch‹ an Hebräisch und Arabisch anklingen soll.

Else Lasker-Schüler macht – wie viele assimilierte Juden in Deutschland – permanent die Erfahrung, dass die anderen, die Nichtjuden sie als ›ganz undeutsch‹ ohne ›germanische[s] Geblüt‹, als nicht zugehörig sehen. Vor diesem antisemitischen Hintergrund wenden viele jüdische Intellektuelle und Künstler ihren Blick gen Orient und romantisieren wie auch viele ihrer nichtjüdischen Kollegen die vermeintliche Ursprünglichkeit fernöstlicher und afrikanischer Kunst und Kultur.

Diese Haltung ist eingebettet in den Zeitgeist: Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert werden in Folge der nationalen Kolonialpolitik in den Völkerkundemuseen Gebrauchs- und Kultusgegenstände, auf den Völkerschauen der Jahrmärkte auch Menschen ausgestellt. In der Populärkultur (Kino, Varieté, Zirkus, Kostümfest, Unterhaltungsliteratur) werden Klischees exotischer Völker konstruiert.

Als Lasker-Schüler 1933 Deutschland verlassen muss und schließlich ab 1939 in Palästina lebt, beharrt sie auf der orientalisierenden Darstellung ihrer Figuren. Sie stellt Araber und Juden verschiedener orientalischer und europäischer Herkunft als ›Zwillingsstämme‹ nebeneinander, nur an der Kleidung lassen sie sich unterscheiden.

Es geht ihr um eine ethisch legitimierte Gemeinschaft, die ›echte übernationale‹ Verantwortung in einem binationalen Staat übernimmt.

Michaela Melián 2012