21. Januar – 28. März 2014

Ort: Kunstfoyer, Kulturrathaus

Ausstellung, Gespräch

Luftmenschen – Zwischen Algier und Odessa unterwegs in den Bildwelten des französischen Comic-Zeichners Joann Sfar

Eine Ausstellung des Kunsthaus Dresden in Kooperation mit dem Institut français in Dresden und dem Kulturamt der Landeshauptstadt Dresden im Rahmen des Projektes Vot ken you mach? mit Arbeiten des berühmten französischen Comic-Zeichners Joann Sfar.

Es ist nicht meine Aufgabe, die Dinge so darzustellen, wie sie sind, sagt einer der Protagonisten in Joann Sfars Comic Die Katze des Rabbiners und bringt damit das künstlerische Konzept des französischen Comiczeichners, Autors und Regisseurs auf den Punkt. Die Magie einer Zeit, einer Stadt oder einer Kultur einzufangen ist Sfar wichtiger als eine detailgetreue Abbildung historischer Tatsachen – dennoch schafft er es in seinen Werken von großer aktueller Relevanz, den Lesern einen tiefen Einblick in die jüdischen Lebenswelten zwischen dem osteuropäischen Schtetl und der nordafrikanischen Wüste zu vermitteln.

Einer seiner Einflüsse sind die Bildwelten Marc Chagalls und so verwundert es nicht, dass auch das Werk Joann Sfars bevölkert ist von fliegenden Menschen, Juden, die der wiederholten gewaltsamen historischen Entwurzelung ein positives Modell gegenüberstellen und sich – im wörtlichen Sinne – von allen Zwängen lösen. Die Metapher des Luftmenschen, die Sfar in seine Bilder überführt, entstand im 19. Jahrhundert und umfasst viele Bedeutungen: von der Selbstbeschreibung einer prekären ökonomischen Situation bis hin zum antisemitischen Vorwurf der Wurzellosigkeit, die das Schlagwort der unter Stalin initiierten antizionistischen und antijüdischen Kampagne von 1948 bis 1953 (Wurzellose Kosmopoliten) bildete. In dem Bild der Wurzellosigkeit steckt jenseits der Verzweiflung auch die Hoffnung auf eine Änderung der Zustände – die Hoffnung, der Verfolgung und Vertreibung  durch ein Wunder oder einen Zufall zu entkommen. Das Schweben, Nicht-Verwurzeltsein birgt die Möglichkeit einer Unabhängigkeit von religiösen wie gesellschaftlichen Zwängen und die zumindest erzählerische Errettung der vom deutschen Nationalsozialismus zerstörten jüdischen Lebenswelten durch ihre Überführung in den Comic.

Der 1971 in Nizza geborene Joann Sfar hat zunächst Philosophie und danach Kunst studiert, und in nur wenigen Jahren ein kaum mehr überschaubares Werk veröffentlicht. Gemeinsam ist seinen Arbeiten die intensive Auseinandersetzung mit historischen jüdischen Lebensweisen in Osteuropa und deren konsequenterweise hybride Vermengung mit einer gegenwärtigen Fassung jüdischer Identitäten und – dies ist vielleicht am wichtigsten – eines utopischen Möglichkeitsraumes dessen, was eine solche nicht an Territorien gebundene Identität sein könnte – Luftmenschen im besten Sinne!

Sfars Comics sind bevölkert von Golems, Dibbuks und anderen Figuren der jüdischen Tradition. Neben Porträts jüdischer Künstler wie Chagall oder Pascin hat er sich in Klezmer dem osteuropäischen und in Die Katze des Rabbiners dem nordafrikanischen Judentum angenähert. Diese beiden Perspektiven bestimmen auch die Biographie Sfars: die eine Hälfte seiner Familie stammt aus der heutigen Ukraine, während der andere Teil einen nordafrikanischen Hintergrund hat. Insbesondere die Comicgeschichte Die Katze des Rabbiners um eine sprechende Katze, die sich mit dem Rabbi über religiöse und philosophische Fragen streitet, begründete seinen Ruf, einer der innovativsten und spannendsten französischen Comiczeichner seiner Generation zu sein – und einer der erfolgreichsten: Die Alben haben sich in Frankreich weit über eine Million Mal verkauft und auch die von Sfar selber realisierte Kinoversion fand ein großes Publikum. In Deutschland ist Joann Sfars Werk, das sich durch alle Genres und Stile bewegt, noch zu entdecken: zwischen Phantastischer Literatur und Philosophie, Geschichtscomic und surrealen Welten, Kindercomics und Vampirgeschichten, Aquarelltönen und kargem schwarz-weiß, mit schnellen Strichen gezeichneten Seiten und detailreichen Porträts gibt es kaum etwas, das Sfar nicht beherrscht.

Die Ausstellung wurde konzipiert von Jonas Engelmann und Christoph Rodde: Jonas Engelmann ist unter anderem Autor der Dissertation Gerahmter Diskurs. 
Gesellschaftsbilder im Independent-Comic (Ventil Verlag 2013) und Organisator des jüdischen Kulturfestivals Hip im Exil. Facetten des Judentums in Mainz seit 2012. In seinem Buch Gerahmter Diskurs führt Jonas Engelmann in die Entstehung, die Ästhetik und die Theorie unabhängiger Comicproduktion ein, wirft einen Blick auf avantgardistische Comic-Experimente in Südafrika und Frankreich und die Geschichte des jüdischen Comics. Christoph Rodde ist Künstler und Initiator zahlreicher künstlerischer Projekte in Dresden, seine intensive Auseinandersetzung mit dem Medium Zeichnung hat zu einer Vielzahl an Ausstellungen in Dresden geführt. Die Ausstellung wurde mit der Unterstützung von Johann Ulrich und des AVANT Verlags realisiert.

    f.l.: Christoph Rodde, Jonas Engelmann, Dr. Michel Gribenski, Joann Sfar