8. Februar 2014

Ort: Kunsthaus

Gespräch

Echt jüdisch, irgendwie jüdisch, anders jüdisch: Diskussion um jüdische Selbstverständnisse jenseits von Definitionen

Zu Beginn der Veranstaltung werden Liron Dinovitz und Martina Lebert Ausschnitte  ihrer Web-Performance The night when Faust went kosher vorstellen, die in der Nacht vom 3. auf den 4. Februar im Kunsthaus Dresden zu sehen war (noch im Archiv zu sehen unter www.kunsthausdresden.de/faustwentkosher). Eine jüdische Schildkröte und ein zeitgenössischer Faust testen sich selbst. Faust hat eine Mission – sie versucht die schwierigste aller Fragen zu beantworten: Was ist das Judentum? Sie hat eine Nacht um 3000 Jahre Geschichte und Kultur zu studieren. Die jüdische Schildkröte ist skeptisch. Sie ist nicht interessiert. Sie weiß die Antwort. Sie ist überzeugt: nur ein echter Jude kann wissen, was es bedeutet, einer zu sein.

Im Anschluss werden mit dem Schriftsteller Vladimir Vertlib (Wien) und der bildenden Künstlerin Claire Waffel (Berlin) jüdische Selbstverständnisse jenseits tradierter Definitionen diskutiert. Beide thematisieren unklare, scheinbar widersprüchliche Zugehörigkeiten und Selbstbilder in ihren Werken und verbinden gleichzeitig unterschiedliche Zugänge zum Judentum in ihren Biografien. Moderation: Lea Wohl von Haselberg.

Jüdisch ist, wer Kind einer jüdischen Mutter ist oder konvertiert. So die einfache Definition des jüdischen Religionsgesetzes. Aus Sicht der nichtjüdischen deutschen Gesellschaft sind Jüdinnen und Juden oft fremd oder anders. Dass klare Definitionen und Zuschreibungen von außen häufig nicht dem Selbstverständnis von Menschen entsprechen, die sich aufgrund ihrer familiären Herkunft oder ihrer religiösen Überzeugungen als jüdisch verstehen, liegt auf der Hand. Solche nicht zwingend eindeutigen Zugehörigkeiten und Selbstverständnisse sind keine Seltenheit: In Deutschland leben etwa 50 % der Jüdinnen und Juden mit einem nichtjüdischen Partner. Nicht nur, aber vor allem dann, wenn aus diesen Beziehungen Kinder hervorgehen, entstehen ‚gemischte‘ Identitäten, die eindeutige Zugehörigkeiten in Frage stellen. Ähnlich verhält es sich mit Konversionen, die zwar zu einer neuen ‚eindeutigen‘ religiösen Zugehörigkeit führen, welche jedoch gleichzeitig von einer anderen kulturellen und möglicherweise auch religiösen Sozialisation geprägt ist.