Sharone Lifschitz

Speaking Germany, ein 2004 in München begonnenes und bis heute fortgesetztes künstlerisches Projekt der in London lebenden Künstlerin Sharone Lifschitz, veranschaulicht Identität als Prinzip der Begegnung. In mehreren deutschen Zeitungen schaltete sie eine Anzeige mit dem Wortlaut: ›Young Jewish woman visiting Germany would like to have a conversation about nothing in particular with anyone reading this‹ (Junge jüdische Frau, die Deutschland besucht, hätte gern ein Gespräch über nichts Besonderes mit jemandem, der dies liest.) und eröffnete damit einen künstlerischen Raum für den Austausch, der weniger auf Antworten als auf einen persönlichen Dialog und dessen Fortleben im gesellschaftlichen Diskurs gerichtet ist.

Durch eine Einladung zu einem internationalen Kunstwettbewerb für den Neubau des Jüdischen Museums München, bei dem Speaking Germany den 1. Preis gewann, wurde ein dialogisches Prinzip in Gang gesetzt, dessen Ergebnisse bis heute an der Fassade des Jüdischen Museums sichtbar sind.

Sharone Lifschitz begann das Projekt damit, in diversen lokalen und nationalen Zeitungen die Anzeige aufzugeben, startete daraufhin im April bis September 2005 eine Deutschland-Rundreise in vier Etappen und traf sie sich mit insgesamt über 45 Einzelpersonen oder Paaren, die auf die Zeitungsanzeige geantwortet hatten. Die Gespräche, die zwischen einer Stunde und einem Tag dauerten (und einigen, die sich bis heute fortsetzen) verliefen ohne vorher festgelegten Ablauf. Sharone Lifschitz: ›Ich hatte keine vorformulierten Fragen, keinen Ablaufplan und keinen zentralen Interessensfokus. Niemand von denen, die ich traf, war alt genug, um während der Kriegsjahre auch nur ein Teenager gewesen zu sein. Einige erinnerten sich aus ihrer Kindheit daran; für andere war es weit zurückliegende Geschichte. Niemand, der aktiv am Krieg teilgenommen haben könnte, hat mich je kontaktiert.

Auszüge aus den so angeregten Gesprächen ließ die Künstlerin später auf Postern und Anzeigen im öffentlichen Raum abdrucken. Auf diese Weise fanden die Gespräche kein eigentliches Ende, sondern ihre Fortsetzung im gesellschaftlichen Diskurs. Von Dezember 2006 bis Mai 2007 erschienen Textfragmente aus persönlichen Gesprächen und E-Mail-Korrespondenzen zwischen der Künstlerin und ihren Gesprächspartnern an öffentlichen Plätzen in der Stadt München.

Lifschitz unterteilte die Phasen der Veröffentlichung und ihre Videoarbeit mit der sie Eindrücke des Projektes festhielt entsprechend den Gängen einer Mahlzeit: Aperitif: Einige einführende Fragen und Vermutungen. Vorspeise: Über die Weise, wie wir uns Menschen vorstellen, die wir noch nie zuvor getroffen haben. In der Stadt zu sehen. Hauptgericht: Gespräche über nichts Besonderes und verwandte Themen. Ein letzter Drink: Abschiede, nachträgliche Gedanken und ein paar Dinge, die beinahe unausgesprochen geblieben wären.

Sharone Lifschitz (*1971 in Beer Sheva, Israel) lebt und arbeitet in London.

    Sharone Lifschitz: ›Speaking Germany‹, Project since 2008, Installation view Kunsthaus Dresden, 2013, Foto: David Brandt
    ›Bible Reading‹ (meeting 12, Munich, Upstairs at Rischart Café Marienplatz, 12:50, Tuesday May 10th, 2005, duration: 03:16h)
    Sharone Lifschitz: ›Memorial as Parasite‹ Collaboration with Annika Grafweg, 2008, Shortlisted proposal for the Munich competition New Forms of Remembrance for the Victims of National Socialism. Digital print collages on paper. Photo: Nikola Radić Lucati
    Sharone Lifschitz: ›Memorial as Parasite‹ Collaboration with Annika Grafweg, 2008, Shortlisted proposal for the Munich competition New Forms of Remembrance for the Victims of National Socialism. Digital print collages on paper
    ›If I Were to Forget You‹, Sharone Lifschitz with Graham Westfield 2013–14. Photo: Małgorzata Kujda