Ruth Novaczek

Den fünf gezeigten Filmen der britischen Künstlerin Ruth Novaczek ist eine Eigenschaft gemeinsam. Sie alle sind im Fluss: Ihre audiovisuellen Momentaufnahmen – Bilder, Geräusche, Klänge und Textausschnitte – folgen fließend aufeinander, trotz ihres fragmentarischen Charakters, mal langsamer, mal schneller. Dabei lassen sich in den Tempi, aber auch in der Farbgebung Unterschiede finden. In Sense wechseln die schwarz-weiß-Aufnahmen mit monochrom gefärbten Bildern in Rot, Grün oder Blau. Immer wieder sind Stadtmotive erkennbar, New York, Venedig: ›running from one place to another‹, kommentiert die weibliche Erzählstimme. Das Reisen durchzieht Novaczeks Filme als Leitmotiv; die Filme fungieren dabei wie ein Tagebuch. In bewusst diffuser Bildqualität der mit einer Mobiltelefonkamera aufgenommenen oder vom Bildschirm abgefilmten, recycelten Bilder verschwimmen die Erlebnisse und Erfahrungen zu einem Strom der Gedanken; einzelne Elemente kann der Zuschauer nur punktuell erfassen. Dass der rationale Zugriff stellenweise versagt, ist von Novaczek durchaus gewollt. Denn ähnlich ‚unfassbar‘ wie die Welt, die wir wahrzunehmen versuchen, erweist sich unsere Identität: ›We are an identity in flux, Jewishness has many registers and tones, any of my own works embeds these questions within narratives that are not always overt, just as identity inhabits a subtextual dimension, informing and inflecting expression rather than forcing meaning out of the obvious.‹ Entsprechend auch die Erzählstimme aus Episode: Die lose aneinandergereihten Stadt- und Landschaftsaufnahmen sind von den Sätzen ›It was a long journey, it didn’t make sense, nothing really connect to‹ unterlegt. In dieser Zusammenhangslosigkeit der Ereignisse findet sich ein Statement und ein Lebensgefühl, das der vermeintlich klaren Fixierbarkeit von Bedeutung, Sinn und Identität die Erfahrung des ›out of place‹ –Seins in einer historisch präkonfigurierten Gegenwart gegenüberstellt, nicht als idealisierte Form, sondern als offener Identitätsentwurf.

Ruth Novaczek (* 1956 in London) lebt und arbeitet als Künstlerin und Filmemacherin in London.

    Ruth Novaczek: Still from ›Radio‹, 2004-2011. Photo: Nikola Radić Lucati
    Ruth Novaczek: Still from ›Radio‹, 2004-2011. Photo: Nikola Radić Lucati
    Ruth Novaczek: Still from ›Radio‹, 2004-2011. Photo: Nikola Radić Lucati