Rafał Jakubowicz

Swimming Pool (Lichtprojektion)
2003 / 2013
Ein Schwimmbad, Wroniecka Straße 11a, Poznań, Polen
Freitag, den 4. April 2003
Fotografie auf Aluminium, Postkarte

Am 4. April 1940 wurden die Sterne auf der Kuppel der Synagoge in der Wroniecka- Strasse mit Hilfe von Seilen heruntergeholt[…] Danach erteilten die städtischen Behörden den Befehl, das Gebäude in ein Schwimmbad umzubauen.

Am gleichen Tag, dreiundsechzig Jahre später projizierte Rafał Jakubowicz in einer einmaligen künstlerischen Intervention in seiner Heimatstadt Poznań das Wort ›Schwimmbad‹ in hebräischen Lettern über den Eingang der alten Synagoge. Das von den nationalsozialistischen Besatzern in der Synagoge eingerichtete Schwimmbad war als solches bis 2012 in Betrieb. Eine Fotografie, ein Video und Postkarten, ein Medium, das Rafał Jakubowicz häufig nutzt, sind von der künstlerischen Aktion verblieben. Weder den Passanten, die Jakubowicz‘ Projektion zufällig miterlebten, noch den spielenden Kindern im Schwimmbecken dürfte bewusst gewesen sein, dass es sich bei der Schwimmhalle um einen entweihten Sakralbau handelt. Die Erinnerungen daran sind aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt und auch die Projektion in Hebräisch löst mehr Irritation als Erkenntnis aus. Auch im Innenbereich, den Jakubowicz ebenfalls gefilmt hat, lassen sich keine Spuren der Synagoge mehr finden. Die Spurensuche verschwimmt im diffusen Spiel aus Licht und Wasser.

 

In Zusammenarbeit mit Nikola Radić Lucati

Das Seine – Forschungsprojekt
2011
Nikola Radić Lucati, As They Stand, 14 Fotografien
Rafał Jakubowicz , Fiasko, Schriftzug aus korrodiertem Stahl

Das künstlerische Forschungsprojekt Das Seine verbindet Orte, deren historische Bedeutung für uns heute diametral entgegengesetzt scheint: Staro Sajmište, das alte Messegelände im Zentrum Belgrads, das von den Nationalsozialisten in ein Konzentrationslager verwandelt wurde und Architekturansichten aus dem Süden von Tel Aviv und Jaffa. Umso frappierender wirken sich auf den Betrachter die architektonischen Ähnlichkeiten zwischen den fotografierten Gebäudekomplexen aus. Vierzehn Fotografien von Nikola Radić Lucati und eine bildhauerische Arbeit von Rafał Jakubowicz, der Schriftzug Fiasko, bilden gemeinsam den künstlerischen Forschungskomplex Das Seine, in dem einzelnen Verästelungen der Bauhaustradition in unterschiedlichen historischen Konstellationen nachgegangen wird. Alle vierzehn Fotografien von Nikola Radić Lucati zeigen Architektur, die unter dem Einfluss des Bauhauses entstanden ist und ein positives Zeichen für einen gesellschaftlichen Aufbruch in die Moderne setzen sollte. Während die Bauten in Israel modernen Wohnraum für eine junge Nation bieten sollten, wurde Staro Sajmište 1937 als internationales Messegelände und repräsentativer Teil eines ‚Neuen Belgrad’ vier Jahre vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten gebaut. Auf der Fläche zwischen repräsentativen Pavillonbauten wurden zwischen 1942 und 1944 ca. 32.000 Menschen interniert, bevor sie in andere Lager weitergetrieben wurden. Das Lager galt als das brutalste Gestapo-Lager im besetzten Serbien und war Schauplatz unvorstellbarer Grausamkeiten; fast die gesamte 8.000 Menschen umfassende jüdische Bevölkerung von Belgrad wie auch Roma-Angehörige wurden hier ermordet. Nach dem Krieg wurde das Gelände Künstlern als Atelierraum angeboten. Heute leben in den verfallenen Gebäuden Nachfahren der Künstler und Roma-Familien; alle Versuche verschiedener Initiativen, hier ein Mahnmal für die Opfer einzurichten, sind trotz eines Stadtratsbeschlusses bisher gescheitert.

Der aus korrodiertem Stahl gefertigte Schriftzug FIASKO in deutscher Sprache von Rafał Jakubowicz ist der zweite Teil der gemeinsamen Arbeit Das Seine. Jakubowicz bezieht sich auf die historische Synthese zweier als gegenläufig gedachter Entwicklungen in der deutschen Geschichte, künstlerische Avantgarde und Nationalsozialismus, indem er eine historische Typografie verwendet. Als Lagerinsasse im KZ Buchenwald gestaltete der ehemalige Bauhaus-Student und -Mitarbeiter Franz Ehrlich die Torinschrift Jedem das Seine im von den Nazis verpönten Bauhausstil. Nach der Entlassung 1939 gestaltete Ehrlich weiterhin mehrere Bauten, unter anderem die Kommandantenvilla von Buchenwald und den Lagerzoo. Anschließend war er Soldat im Strafbataillon 999 in Griechenland. 1946 kehrte Franz Ehrlich aus jugoslawischer Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurück und wurde Leiter des Referates für Wiederaufbau in Dresden. Als Meisterschüler des Bauhaus‘, aber auch als gefeierter Architekt in der DDR lädt die Biographie Ehrlichs dazu ein, scheinbar Eindeutiges auf verborgene Mehrdeutigkeit zu hinterfragen.

Nikola Radić Lucati (*1971 in Belgrad) lebt und arbeitet in Tel Aviv und Belgrad.

Rafał Jakubowicz (*1974 in Poznań) lebt und arbeitet in Poznań.

    Rafal Jakubovicz: ›Chai‹, 16 photographs and postcard. Photo: Małgorzata Kujda
    Rafał Jakubowicz ›בריכת-שחייה Swimming Pool (Ein Schwimmbad)‹, Lichtprojektion (light projection) Fotografie auf Aluminium, 2003 / 2013. Photo: Małgorzata Kujda
    ›Das Seine. Forschungsprojekt‹ 2011. Nikola Radić Lucati: ›As They Stand‹, 14 photographs Rafał Jakubowicz: ›Fiasco‹, lettering made of corroded steel. Photo: Małgorzata Kujda
    ›Das Seine. Forschungsprojekt‹ 2011. Nikola Radić Lucati: ›As They Stand‹, 14 photographs Rafał Jakubowicz: ›Fiasco‹, lettering made of corroded steel. Photo: Małgorzata Kujda
    ›Das Seine. Forschungsprojekt‹ 2011. Nikola Radić Lucati: ›As They Stand‹, 14 photographs Rafał Jakubowicz: ›Fiasco‹, lettering made of corroded steel. Photo: Małgorzata Kujda
    ›Das Seine. Forschungsprojekt‹ 2011. Nikola Radić Lucati: ›As They Stand‹, 14 photographs Rafał Jakubowicz: ›Fiasco‹, lettering made of corroded steel. Photo: Małgorzata Kujda
    ›Das Seine. Forschungsprojekt‹ 2011. Nikola Radić Lucati: ›As They Stand‹, 14 photographs Rafał Jakubowicz: ›Fiasco‹, lettering made of corroded steel. Photo: Małgorzata Kujda
    ›Das Seine. Forschungsprojekt‹ 2011. Nikola Radić Lucati: ›As They Stand‹, 14 photographs Rafał Jakubowicz: ›Fiasco‹, lettering made of corroded steel. Photo: Małgorzata Kujda
    Nikola Radić Lucati und Rafał Jakubowicz: ›Das Seine - Forschungsprojekt‹, 2011, Ausstellungsansicht, Foto: David Brandt