Krystyna Piotrowska

Das Gesicht ist der Teil unseres Körpers, den wir am meisten mit unserer Identität verbinden, mit dem wir Empfindungen Ausdruck verleihen und von dem wir die Gefühle anderer versuchen abzulesen. Die ›Übungen‹ der polnischen Künstlerin Krystyna Piotrowska wirken wie Experimente, in denen jemand eine Identität aus Fragmenten, Überlagerungen, Versatzstücken künstlich ›zusammensetzt‹ und verändert; dem Ergebnis dieser Versuche ist die Melancholie eingeschrieben: Die Gesichter sind zwangsläufig verzerrt und in dieser ›verletzten Form‹ dem Auge des Betrachters preisgegeben. Warum empfinden wir ihre Zeichnungen als bedrückend? Ursache der Überlagerungen und Überschneidungen scheint weniger eine Überfülle an Identitätsentwürfen, sondern ein starkes Unbehagen oder eine existentielle Erschütterung zu sein. Wir wissen, dass wir fragil sind, aber wollen wir dieser Tatsache ins Gesicht schauen?
Das in Nase, Mund und Augen oder nach schematischem Raster zerlegte Gesicht erinnert auf fatale Weise an den rassentheoretischen Wahn, der seit dem neunzehnten Jahrhundert bis in die 1980er-Jahre in die Humanwissenschaften und populärwissenschaftliche Publikationen hinein wirkte. In der pseudowissenschaftlichen Propaganda der Nazis wurde u.a. der sogenannte ‚Rasseatlas’ als Lehrmaterial ausgegeben, er enthielt großformatige Bildtafeln, darunter standen Sätze wie ›Aus diesem Gesicht spricht die Seele der Rasse.‹ Piotrowskas Arbeiten benennen noch Anfang der achtziger Jahre das Trauma des Nachwirkens dieser Ideologien.
Eine der lithographierten Porträtzeichnungen, Portrait from Memory, ist durchkreuzt von zwei Streifen, welche die Wesenszüge – Augen, Nase, Mund – auslöschen, das Gesicht seiner Identität berauben. Neben dieser Zeichnung jene zwei Streifen, zwei Klebestreifen, auf denen die fehlenden Fragmente aufgezeichnet sind. Der Betrachter kann sie wieder zusammenfügen, kann sich ein vollständiges Bild von der Person machen.
Ihre Videoarbeit Yoga 1, Yoga 2 steht ebenfalls in der Tradition des Porträts. Der Bruder der Künstlerin wird bei der äußerst disziplinierten Ausführung von Yogaübungen aufgenommen. Die Stimme aus dem Off ergänzt die Darstellung in der Art eines Steckbriefes um wichtige Informationen zu seiner Persönlichkeit und Identität, die wir nicht sehen können. In diesem Porträt wird deutlich, wie stark Identität Gegenstand persönlicher Entscheidungen und des täglichen Lebens und Alltags ist; zugleich vermittelt die Videoarbeit einen Eindruck von der Gewalt fremder Zuschreibungen in Bezug auf die eigene Identität und belegt die schockierende Existenz aktueller antisemitischer Haltungen in der Gesellschaft.

 

I left Poland because… (gezeigt in Wrocław)
2008
video, 26 min 18 sec

Krystyna Piotrowska (* 1949 in Zabrze, Polen) lebt und arbeitet in Warschau.

    Krystyna Piotrowska, Installation View Kunsthaus Dresden, Photo: David Brandt
    Krystyna Piotrowska: Exercises from a Portrait a, b, 1980
    Krystyna Piotrowska: Drawings, 1980. Photo: Małgorzata Kujda. Exhibition view Wrocław
    Krystyna Piotrowska: Drawings, 1980. Photo: Małgorzata Kujda. Exhibition view Wrocław
    Krystyna Piotrowska: Drawings, 1980. Photo: Małgorzata Kujda. Exhibition view Wrocław
    Krystyna Piotrowska: ›I left Poland because...‹ (shown in Wrocław), 2008, video, 26 min 18 sec
    Krystyna Piotrowska: ›I left Poland because...‹ (shown in Wrocław), 2008, video, 26 min 18 sec. Photo: Małgorzata Kujda
    Krystyna Piotrowska: ›I left Poland because...‹ (shown in Wrocław), 2008, video, 26 min 18 sec. Photo: Małgorzata Kujda