Eduard Freudmann

Bei der Auseinandersetzung mit der Shoah, der stets die Frage nach der Darstellbarkeit eingeschrieben ist, prallen häufig zwei unterschiedliche Haltungen aufeinander: Vergessen oder Zeugnis ablegen. Was für eine herausfordernde Konstellation sich ergibt, wenn diese entgegengesetzten Haltungen in der eigenen Familiengeschichte aufeinandertreffen, dokumentiert die Installation des Künstlers Eduard Freidmann. Als Enkel seines Großvaters Armin Freudmann, der die Internierung in mehreren Konzentrationslagern überlebte und eigene Gedichte aus dieser Zeit rettete, schlussendlich aber beschloss, über seine Erfahrungen zu schweigen, stellt sich Freidmann der Aufgabe, in Form einer medialen Collage seine Arbeit mit den Zeugnissen aus seiner Familie zu inszenieren. Geboren 1915 in Wien, hatte sich Freudmann als Ingenieur und Dichter früh vom jüdischen Glauben ab- und der kommunistischen Idee zugewandt. Grundlage der Installation von Eduard Freidmann, die von literarischen und theoretischen Textauszügen durchzogen ist, ist das Familienarchiv, welches seine Großmutter 1978 nach dem Tod des Großvaters angelegt hat. Das Herz des Archivs bilden die Gedichte, die zwischen 1942 und 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern entstanden sind sowie Theaterstücke, Briefwechsel, Zeugnisse, biographische Dokumente, aber auch Ton- und Super-8-Filmaufnahmen, die das Verhältnis der Familie zur Shoah wie auch zum Kommunismus in Österreich dokumentieren. ›Lebendige Vergangenheit‹ nennt die Großmutter die gesammelten Archivalien in einem Telefongespräch, das sie eigens für ihr privates Archiv aufgenommen hat. Im englischen Sprachraum spricht man von einem ›weißen Elefanten‹, wenn eine Sache Fluch und Segen zugleich ist. Für eine Performance-Lecture, die Teil der Installation ist, nimmt Eduard Freidmann die unaufgeführten Theaterstücke seines Großvaters zum Ausgangspunkt. Er bewegt sich dabei zwischen den Genres des dokumentarischen und Objekttheaters. Das Experimentieren mit der Form des Objekttheaters erscheint ihm auch aufgrund des zunehmenden Fehlens der Zeitzeugen als historischer Quelle als eine Notwendigkeit. Angesichts des Entschlusses seines Großvaters, über den Holocaust zu schweigen, stellt sich Eduard Freidmann am Ende seiner Lecture auch der beklemmenden Frage, ob er ›den weißen Elefanten missbrauchen‹ würde, und ob er als Angehöriger der heutigen Generation der Shoah nicht gegenübersteht, ›wie der Blinde von der Farbe‹ spricht (Jean Améry).
Die Performance Lecture wird in Form einer Zweikanal-Videoinstallation dokumentiert, in der parallel Aufnahmen der Lecture sowie Freidmanns Hände, wie sie die Textzeugnisse durchblättern, zu sehen sind. Auf einen Tisch werden Dias ausgewählter Archivalien projiziert. Außerdem ist das Wandbild einer Faust zu sehen, das in Zusammenarbeit mit Vera Freudmann entstanden ist. Die Faust ist als Detail dem Titelbild einer Publikation zur Geschichte der KPÖ entnommen. Sie gehört zu ihrer Großmutter und repräsentiert deren unermüdlichen Willen, selbst aktiven Einfluss auf das politische Geschehen ihrer Zeit und auf die Erinnerungspraktiken innerhalb der Familie Freudmann zu nehmen.
Eduard Freidmann (* 1979 in Wien) lebt und arbeitet als Künstler in Wien. Freidmann arbeitet mit in verschiedenen Formaten, wie Video, Installation oder Performance sowohl individuell als auch in (temporären) Kollektiven. Dabei verbindet er interventionistische und dokumentarische Strategien mit narrativen und fiktiven Elementen. Seine Projekte wurden auf verschiedenen Ausstellungen, Biennalen und Filmfestivals präsentiert.

Excerpt 1: The White Elephant Archive, Setting No.2

Excerpt 2: The White Elephant Archive, Setting No.2

Excerpt 3: The White Elephant Archive, Setting No.2

Excerpt 4: The White Elephant Archive, Setting No.2

    Eduard Freudmann: ›The White Elephant Archive. Setting No. 3‹, 2015. Photo: Nikola Radić Lucati. Exhibition view Wroclaw
    Eduard Freidmann: ›The White Elephant Archive. Setting No. 2‹, 2013, Photo: David Brandt
    Eduard Freidmann: ›The White Elephant Archive‹, Videoinstallation, 2013
    Eduard Freidmann: ›The White Elephant Archive‹, Videoinstallation, 2013
    Eduard Freudmann: ›The White Elephant Archive. Setting No. 3‹, 2015. Photo: Małgorzata Kujda. Exhibition view Wroclaw
    Eduard Freudmann: ›The White Elephant Archive. Setting No. 3‹, 2015. Photo: Małgorzata Kujda. Exhibition view Wroclaw