Arye Wachsmuth

Arye Wachsmuths Werke, mehrschichtige Bilder und Installationen, verwandeln Technologie, Geschichte, Wahrnehmung und Erinnerung in einen Gegenstand künstlerischer Untersuchung. Im Fokus der zweiteiligen Installation steht der Versuch, die Abstraktion als wissenschaftliche und philosophische Grundlage menschlichen Fortschritts, aber auch als totales Herrschaftsinstrument zu verstehen.
Unsere ganze Kultur steht in Frage‹, schrieb Vilém Flusser. Dies bezog er auf das, wie er es bezeichnete, einzigartige Ereignis – Auschwitz. Deshalb führt jeder Versuch, die Gegenwart in den Griff zu bekommen, zu der Frage: Wie konnte es zu Auschwitz kommen? Nach Flusser ist Auschwitz nicht nur ein Erzeugnis westlicher Denkart, sondern viel tiefer verwurzelt in der abendländischen Kultur: ›Daher lautet die Frage auch nicht: Wie kam es zu Auschwitz? Die Frage ist: Wie konnte es zu Auschwitz kommen?‹ Und somit: wie kann man in einer Kultur weiterleben, die zu Auschwitz fähig ist?
Ausgangspunkt der Installation bilden konkrete Bilder und Objekte der Kunst- und Kulturgeschichte, wie auch technologische Errungenschaften und Ansätze einer philosophischen Interpretation. Die sechs Bände der Verhörprotokolle Adolf Eichmanns (die durch Alexander Wachsmuth, Aryes Vater, der 1961 als Berichterstatter den Prozess in Jerusalem verfolgte, in den Familiennachlass gelangten) sind ebenso Teil der Betrachtung wie das ambivalente Symbol des Pentagrammes und Lucio Fontanas Concetto spatiale, Attesa als Referenz an die Potentiale des Dystopischen, Gebrochenen, Fragmentierten als positive Dimension eines nicht-totalitären Denkens.
Analog zu den kristallinen Beschreibungen (Deleuze) sind es subjektive Verweiskonstruktionen, die Arye Wachsmuth interessieren. Immer wieder taucht auch der Spiegel als Metapher für Reflexion und Einbettung des Gesehenen in den Arbeiten Wachsmuths auf, in denen sich organische und abstrakte Formen überlagern und gegenüberstehen. Die Installation mit dem Titel Shever (dt.: Bruch) hat den Zivilisationsbruch als unweigerliche Bedingung unseres heutigen Lebens zum Gegenstand, der Titel der zweiten Installation im gleichen Raum, Shlavim, hingegen bedeutet schrittweise. In einer vorläufigen Versuchsanordnung untersucht Arye Wachsmuth hier die mediale und bürokratische Oberfläche heutiger Asylpolitik und stellt formale Analogien zwischen den Mechanismen des Ausgrenzens, Verfolgens und Ermordens im NS-Staat und aktueller staatlicher europäischer Politik her.
In der Installation Shever findet sich mit der Reproduktion eines ‚Selbstporträts’ plündernder Menschen aus den vierziger Jahren in Wien ebenfalls ein Zitat aus der Installation Retracing the Tears, die Arye Wachsmuth gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Sophie Lillie in langjähriger Recherche-Arbeit entwickelte. Retracing the Tears zeichnete, indem es die Rückseiten von enteigneten Bildern aus jüdischem Eigentum zeigte, eine Spur nach: Es sind Zeugnisse von Menschen, die ihrer Kultur beraubt wurden, bevor sie ermordet oder vertrieben wurden – mit dem Ziel ihrer ‚ganzheitlichen‘ Vernichtung. Mehr noch als die gemalten Bildansichten zeigen die Bildrückseiten der 1996 als ‚herrenloses Kulturgut’ versteigerten Bilder den Versuch der Nazis, eine kulturelle Identität aufzubauen, die auf der Zerstörung jüdischer Kultur basierte.

Arye Wachsmuth (*1962 in Hamburg) lebt und arbeitet in Wien.

    Arye Wachsmuth: ›Shever‹, 2013, Exhibition view Kunsthaus Dresden, Foto: David Brandt
    Shever* (ist ja fabelhaft / isn’t it fabulous) For this fable is a catastrophe about to break out of its shell. And we are that shell. The story is about you. Vilém Flusser, Into the Universe of Technical Images * Hebr: Shever / Dt: Bruch / Engl: Fraction 2013 (Part I: Spatial installation made of 6 elements)
    Arye Wachsmuth: Shever* (ist ja fabelhaft / isn’t it fabulous) For this fable is a catastrophe about to break out of its shell. And we are that shell. The story is about you. Vilém Flusser, Into the Universe of Technical Images * Hebr: Shever / Dt: Bruch / Engl: Fraction 2013 (Part I: Spatial installation made of 6 elements)
    Arye Wachsmuth: ›Shlavim‹, 2013, Exhibition view, Foto: David Brandt
    Arye Wachsmuth: ›Shever‹, 2013, Exhibition view Kunsthaus Dresden, Foto: David Brandt
    Arye Wachsmuth: ›Shlavim‹, 2013, Foto: David Brandt
    Arye Wachsmuth: ›Davar / Lógos (De te fabula narratur)‹ 2013. Photo: Małgorzata Kujda
    Arye Wachsmuth: Part of ›Shever‹, 2013. Photo: Małgorzata Kujda
    Arye Wachsmuth: ›Alpha Demon / Fractal History‹ 2013. Photo: Małgorzata Kujda
    Arye Wachsmuth: ›Glasbruch / Concetto di informazione (Was habt ihr den ganzen Morgen lang getrieben?)‹ 2012. Photo: Małgorzata Kujda
    Arye Wachsmuth: Shever* (ist ja fabelhaft / isn’t it fabulous) For this fable is a catastrophe about to break out of its shell. And we are that shell. The story is about you. Vilém Flusser, Into the Universe of Technical Images * Hebr: Shever / Dt: Bruch / Engl: Fraction 2013 (Part I: Spatial installation made of 6 elements). Photo: Małgorzata Kujda
    Arye Wachsmuth: Shever* (ist ja fabelhaft / isn’t it fabulous) For this fable is a catastrophe about to break out of its shell. And we are that shell. The story is about you. Vilém Flusser, Into the Universe of Technical Images * Hebr: Shever / Dt: Bruch / Engl: Fraction 2013 (Part I: Spatial installation made of 6 elements). Photo: Małgorzata Kujda
    Arye Wachsmuth: Shever* (ist ja fabelhaft / isn’t it fabulous) For this fable is a catastrophe about to break out of its shell. And we are that shell. The story is about you. Vilém Flusser, Into the Universe of Technical Images * Hebr: Shever / Dt: Bruch / Engl: Fraction 2013 (Part I: Spatial installation made of 6 elements). Photo: Małgorzata Kujda
    Arye Wachsmuth: Shever* (ist ja fabelhaft / isn’t it fabulous) For this fable is a catastrophe about to break out of its shell. And we are that shell. The story is about you. Vilém Flusser, Into the Universe of Technical Images * Hebr: Shever / Dt: Bruch / Engl: Fraction 2013 (Part I: Spatial installation made of 6 elements). Photo: Małgorzata Kujda