Amit Epstein

Die Film-Trilogie Stockholm Syndrome handelt vom Aufwachsen junger Israelis in einer durch die Großeltern geprägten europäischen Exilkultur und von der Liebe zwischen Enkeln und Großeltern, in der sich die Paradoxien von Trauma und Geborgenheit tradieren und verwandeln. Auch Jahrzehnte nach der Auswanderung bleibt Europa für diejenigen, die in Reaktion auf den Antisemitismus in Deutschland einen eignen Staat aufbauen wollten oder später vor der sicheren Ermordung geflohen sind, die Heimat der Kindheit und Ressource der eigenen kulturellen Identität. Für nachfolgende Generationen bilden Israel und Europa zwei Pole der kulturellen Orientierung, futuristisch hebt sich in Teil 2 die Gedenkstätte der Negev-Brigade ab, ein Erinnerungsort des israelischen Unabhängigkeitskrieges, an dem zwei Tänzerinnen Israel als neue Heimat besingen, bevor es den jungen Protagonisten in die Heimat seiner Großeltern zieht. Mit Golden Mission (2007), European Haven (2007) und Jewish Revenge (2010) werden erstmals alle drei Teile von Stockholm Syndrome in einer Ausstellung gezeigt. In dem 2010 fertig gestellten, letzten Teil der filmischen Trilogie unter dem Titel Jewish Revenge begleitet die Kamera einen jungen Israeli bei seiner Ankunft im heutigen Berlin. Verwirrt, zornig und schockiert von den unzerstörten Berliner Schauplätzen, der Architektur des Nationalsozialismus wie auch den Kulissen der Mahnmalarchitektur wird sich der junge, vom Künstler selbst gespielte Protagonist schmerzhaft der bis dato abstrakten, nur aus Geschichtsbüchern bekannten historischen Zusammenhänge bewusst. Erst in der Begegnung mit dem heutigen Deutschland fühlt er sich auf paradoxe Weise jüdisch, und wird in der Betrachtung der Anderen zum ‚Juden’. Zwischen den Stelen des Holocaustdenkmals trifft er auf gleichaltrige Deutsche. In den anschließenden Begegnungen und Beziehungen verweben sich gegenseitige Vorbehalte, nachvollziehbare Racheimpulse des jungen Israeli und Betroffenheit, antiisraelische Pauschalangriffe und Schuldgefühle seitens der deutschen Geschwister, die anhand des Märchens ›Peter und der Wolf‹ inszeniert werden, zu einer fatalen Symbiose. Eine Kette aus goldenen Menschenzähnen symbolisiert metonymisch zugleich das Grauen der Schoa wie auch die millionenfache private Bereicherung der nichtjüdischen deutschen Bevölkerung an der Vertreibung und Ermordung ihrer Nachbarn.
It’s been a while. I know I shouldn’t have kept you waiting but I’m here now.‹ Mit Hilfe von Zitaten aus der Popmusik und (historischen) Schlagerkultur gelingt Amit Epstein das Unmögliche: Die Benennung der Traumata der unaufgearbeiteten Täter-Opfer-Beziehungen, die auch noch in der dritten Generation wirksam bleiben und der unvermeidlichen Stereotype der Gedenkkulturen wie auch deren unverhofft humorvolle Transzendierung. Epsteins Film kann im doppelten Sinne des Wortes als ‚Heimsuchung‘ gesehen werden: Auf der Suche nach Heimat führt am Leid kein Weg vorbei.

The Stockholm Syndrome 1 – 3
Regie: Amit Epstein
Drehbuch: Amit Epstein
Kamera: Benjamin Chiram
Schnitt: Teil 1+ Teil 2: Becky Ofek ; Teil 3: Sarah J.Levine
Darsteller: Amit Epstein, Renana Raz, Shira Raz, Idit Neudoerfer, Sandra Sade, Anna von Rueden, Christoph Glaubacker, Wolfgang Menardi, Irina Szodruch und Clarutza Arden

Jewish Revenge wurde durch den Hauptstadtkulturfond Berlin gefördert.

Amit Epstein arbeitet als Künstler, Filmemacher und Kostümbildner an verschiedenen Bühnen in Deutschland; seit 2003 lebt er in Berlin, seit 2013 ist er in Deutschland eingebürgert.

    Right: Amit Epstein: ›Stockholm Syndrom‹, 2007-2010 and left: Anna Schapiro ›Vier Verwandte‹, 2013, Photo: David Brandt
    Amit Epstein: ›Stockholm Syndrom‹, 2007-2010. Installation view Wroclaw. Photo: Małgorzata Kujda
    Amit Epstein: ›Stockholm Syndrom‹, 2007-2010. Installation view Wroclaw. Photo: Małgorzata Kujda
    Stockholm Syndrome © Amit Epstein 2010 photo Avi Levin
    Stockholm Syndrome © Amit Epstein 2010 photo Avi Levin
    Stockholm Syndrome © Amit Epstein 2010 photo Raluca Blidar
    Stockholm Syndrome © Amit Epstein 2010 photo Avi Levin